2 Schulstunden mit Bernardis Troerinnen

Ein Stück im Theater zusammen mit über hundert pubertierenden Krawallmachern zu sehen, ist eine Sache. Eine nicht allzu tolle, auch wenn die Geschichte einem das Herz bricht, die Darsteller Spitzenarbeit leisten  und die Gestaltung des Bühnenbilds Jahrhunderte miteinander verbindet.  Zwei Schulstunden einem Menschen zuzuhören, der die Seele des Ganzen ist, ist schon etwas ganz anderes.

Es herrscht keine angespannte Klassenzimmerstimmung, es ist nicht besonders leise, nicht steif und erwartungsvoll, als Marco Bernardi hereinschneit, Jacke und Schirm aufhängt und sich auf dem Lehrerstuhl  vor siebzehn geschminkten Augenpaaren (er besucht eine Mädchenklasse) platziert. Die Schülerinnen wissen es zu schätzen, dass er uns nicht seine Lebensgeschichte detailliert erzählt, nicht zu viel von sich selbst hält und nicht um den heißen Brei herumredet.

In medias res. Mit Leidenschaft spricht er über die griechische Tragödie und seine eigene Inszenierung, die Schwierigkeit und die Freuden einer solchen. Er betont, dass er bereits vor Anfang der Proben eine genaue Vorstellung vom Endprodukt hatte und ein einziges Mal in seiner Karriere herrschte wie ein griechischer Tyrann. Die Schauspieler hätten sich nicht beklagt. Auch erfahren wir, dass die Kassandra eigentlich hätte nackt sein müssen für einen Augenblick. Um Jubelrufe grölender Halbwüchsiger oder Beschwerden konservativer Eltern zu vermeiden, wurde diese Szene für die Schulaufführungen abgeändert und Kassandra behält ihre Laken an. Das sei aber keine Zensur, wie der Regisseur betont.

Marco Bernardis Troerinnen sind keine einfachen Charaktere. Anderthalb Stunden voller Trauer, Tränen, Hass, Häme, Grausamkeiten und gutgemeintem wenn auch wirkungslosem Trost der Hekuba. Die Schwestern Andromache und Kassandra erzählen auf der Bühne von Vergewaltigung im Tempel, Mord, Kindermord. All die Gräueltaten, das ganze tragische Schicksal ist in der Rolle der guten Mutter Hekuba vereint. Sie ist omnipräsent, es ist mit Sicherheit der schwierigste Part im Stück. Bernardi sieht das auch so.

Er erzählt uns, dass die Darstellerin der ehemaligen Königin von Troja, die nebenbei bemerkt, seine Ehefrau   ist, selbst darüber klagte, wie nah ihr dieses Schauspiel geht, wie anstrengend es ist, ständig auf der Bühne zu sein, noch dazu in solch einer Rolle. Bestimmt fiel es ihr als Ehefrau und Mutter leichter, sich in den Charakter hinein zu fühlen. Vielleicht wird es schwer sein, sich von Hekuba zu verabschieden, nachdem der letzte Vorhang  für die „Troiane“ gefallen ist.

Ich wage zu behaupten, dass es gut von Bernardi war, den Tyrannen zu mimen, zu wissen, was wie über die Bühne gehen soll. Aus dem Nichts schuf er eine Helena aus den Swingin' Sixties, und eine Andromache, die zum Schauplatz hingekarrt wurde. Es gilt, die bloßen Ideen auch umzusetzen. Das gelang dank der umwerfenden Schauspieler. Vor allem dank einer bemitleidenswert krächzenden Hekuba, einer erschöpften Frau und einer außergewöhnlichen Kassandra, die eine Mischung war aus Irrenhausflüchtling und -pardon- verruchtem Luder. Herrlich. Herrlich traurig, herrlich deprimierend. Glücklicherweise ist das Stück nicht besonders lang, wie etwa eine heilige Johanna, das wäre für den Zuschauer zu belastend. Athene und Poseidon umrahmen mit zwei Monologen die Handlung, am Ende wird jedoch der Text nur wiederholt, was für den Zyklus des Krieges und der Zerstörung betonen soll, der schon vom alten Meister Euripides und auch von Marco Bernardi angeprangert wird. Der Regisseur sagt uns, dass es unser Recht und unsere Pflicht ist, an den Frieden und das Gute im Menschen zu glauben, aber er lässt durchscheinen, dass er in seinem Leben eines Besseren belehrt wurde. Es bringt nichts, anderen klarmachen zu wollen, dass Krieg sinnlos ist. Hier muss betont werden, dass diese Worte nicht von einem grimmigen Menschen stammen, der mit der Welt und den Menschen abgeschlossen hat, natürlich nicht. Aber von einem weisen Menschen, einem Realisten, der mit einem derartigen Stück seinen Beitrag zur Weltverbesserung zu leisten versucht.

Es gehen einem tausend Lichter auf, wenn der Regisseur die Absichten hinter den Details erläutert. Voller Elan verrät er außerdem, dass er bereits Pläne schmiedet für sein nächstes Projekt, eine Inszenierung von „Der zerbrochene Krug“, von ihm auch „Die zerbrochene Krug“ genannt. Als unsere Deutschlehrerin ihn auf den kleinen grammatikalischen Makel aufmerksam macht, entschuldigt er sich und lächelt peinlich berührt.
Er ist weise, macht Fehler, weiß das, gibt es zu. Er ist brillant auf seinem Gebiet. Er ist schrecklich sympathisch. Genauso still und leise wie sein Auftritt erfolgt sein Abgang. Wir können ihm nur applaudieren. Hoffentlich nicht zum letzten Mal.

Lisa Settari