„Wenn die Wände Ohren hätten…“ Jugendstück „Das Zimmer“ von Selma Mahlknecht erfolgreich aufgeführt

Endlich wieder auf den Brettern, die die Welt bedeuten! Nach vielen Entbehrungen in Zeiten der Pandemie konnten es 24 Schüler*innen des Klassischen Gymnasiums und des Sprachengymnasiums kaum erwarten, wieder Theaterluft zu schnuppern. Das Jugendstück bot ihnen nicht nur Gelegenheit, an der eigenen körperlichen und stimmlichen Präsenz zu arbeiten, sondern auch in ganz unterschiedliche Rollen zu schlüpfen.

„Das Zimmer“ erzählt neun Geschichten über junge Menschen in ihren vier Wänden und wirft einen Blick hinter die Fassade der angeblich unbeschwerten Jugend. Es thematisiert den einen Rückzugsraum, den Jugendliche haben – und den sie oft mit Geschwistern teilen müssen. In ihren Zimmern lernen und träumen sie z.B. vom ersten Ball und vom Märchenprinzen, den sie dort zu treffen erhoffen, oder von der Liebe, die durch ein tätowiertes Unendlichkeitszeichen ewig dauern soll.  Sie probieren aber auch neue Rollen aus, indem sie zu unterschiedlichen Formen von Geschlechtlichkeit finden. In ihren Zimmern kommt aber auch das Dunkle zum Vorschein, das sie belastet, etwa Erfahrung von Gewalt und Zurückweisung, Drogenmissbrauch, Suizidgedanken. Ein Stück, das hinter die Fassaden blickt und die Frage stellt, was ein Zimmer erzählen könnte, wenn die Wände Augen und Ohren hätten.

 

In ihrer Darbietung sind die Schüler*innen über sich hinausgewachsen und haben sich experimentierfreudig und offen auf Situationen eingelassen, die einer bestimmten Brisanz nicht entbehrten. Da ist z.B. Moira, ein übermütiges und gedankenloses Mädchen, das sein erstes Abenteuer mit einer Vergewaltigung bezahlt, oder der sensible und kreative Timon, der gerne Frauenkleider trägt und sich für die Schule immer verkleiden muss, um der Norm zu entsprechen. Unter der behutsamen, aber doch die Grenzen auslotenden Regie von Selma Mahlknecht verwandelt sich die fröhliche und sportliche Videobloggerin Alea in ein menschliches Wrack, das in einem Sumpf von Drogen und Magersucht versinkt, oder die introvertierte Delia in eine lebensverneinende Jugendliche, die auf die fröhliche und unbeschwerte Art ihres Bruders Damian mit Aggressivität oder Nichtbeachtung reagiert. Ein positiver Kontrapunkt ist die lebhafte Leda, die sich nach einer herben Liebesenttäuschung zu einer optimistischen Weltsicht zurückfindet: „Wir verdienen Liebe. Jeder verdient Liebe“. Dennoch dominieren tragische Schicksale das Stück wie das der ängstlichen Nerea, die sich aufgrund permanenter Mobbingerfahrung ganz aus der Öffentlichkeit und auch vor ihrer Schwester zurückzieht. Die tragischste Figur ist der sensible und einsame Costa, der ebenso wie seine Mutter unter den Gewaltausbrüchen seines Vaters leidet, sich von dessen Lebensweise zu distanzieren versucht, aber letztendlich als dessen Mörder ebenso Gewalt als Ausweg auslebt.

Unterbrochen wird die tempo- und abwechslungsreiche Darbietung der Szenen durch Choreographien, die, die Funktion des antiken Chores evozierend, das Geschehen kritisch, geistreich und unterhaltsam reflektieren. Dabei beweist die Regisseurin einmal mehr ihren unerschöpflichen Einfallsreichtum, ihre Liebe zur Symbolik und zum Detail und ihre überbordende Kreativität. Trotz der fröhlichen Tanzszenen endet das Stück mit Gänsehautfeeling, als alle Darsteller*innen auf der Bühne knieend die Schlussverse rezitieren: „Ach, und hätten Wände Hände/ um zu halten, was da fällt,/trügen dieser Wände Hände/wohl die Last der ganzen Welt.“