Elektra: Klassik modern inszeniert (Rezension)

„Die Tragödien der alten Griechen sind schonungslos und kennen keine Tabus“, so eröffnete die Regisseurin Selma Mahlknecht die diesjährige Ausgabe des Musischen Abends des Klassischen Gymnasiums und Sprachengymnasiums „Beda Weber“ im Stadttheater Meran. Schonungslos inszeniert ist auch ihre Version der Tragödie „Elektra“.

Die mykenische Königstochter Elektra kann ihrer Mutter Klytaimnestra nicht verzeihen, dass sie – zusammen mit ihrem Geliebten Aigisthos- Agamemnon, ihren Gatten und Elektras Vater, bei dessen Heimkehr aus Troja im Bad erschlagen hat. Den Einwand Klytaimnestras, dass Agamemnon den Tod verdient habe, weil er die gemeinsame Tochter Iphigenie, Elektras Schwester, aus Staatsräson heraus am Altar der Artemis geopfert habe, lässt Elektra nicht gelten. Hasserfüllt verweist Elektra auf ihren Bruder Orest, Klytaimnestras Sohn, der bald aus der Fremde heimkehren und Agamemnons Tod rächen werde. Auch ihrer Schwester Chrysothemis, die sich mit den häuslichen Verhältnissen abgefunden zu haben scheint und Elektra zur Vorsicht mahnt, begegnet die Protagonistin voller Verachtung. Als Orest endlich auf seine Schwester Elektra trifft und die Mörder Agamemnons richtet, währt der Triumph der Rachsüchtigen nur kurz.

Wer eine Aufführung im klassischen Stil erwartet hat, dessen Erwartungen werden nur zum Teil eingelöst. Eingangs werden die Zuschauer in die Welt des griechischen Mythos entführt und erleben ein Klangerlebnis der besonderen Art, als eine Schülergruppe des Klassischen Gymnasiums unter der Leitung von Prof. Otmar Kollmann eindrucksvoll und gekonnt das Einzugslied des Chores aus der „Elektra“ des Sophokles in griechischer Originalsprache rezitiert.

Nach diesem Echo, das die Antike für einen kurzen Moment heraufbeschwört, setzt ein Szenenreigen ein, in dem sich das dramaturgische Talent der Regisseurin voll entfalten kann. So wechseln sich Szenen, die Bearbeitungen der antiken Tragödien des Aischylos und Sophokles darstellen, mit Szenen ab, in denen – z.T. auch mehrsprachig- auf modernere Fälle von Elternmord Bezug genommen wird.  Obwohl diese modernen Texte dem Zuschauer einiges zumuten, von Fluch- und Schimpfwörtern bis hin zum Inzestthema, ist darin keineswegs der verzweifelte Versuch einer Aktualisierung zu sehen. Vielmehr sind diese Textpassagen Ergebnis sorgfältiger Recherche von Seiten der Regisseurin und Drehbuchautorin Selma Mahlknecht. Neben Textausschnitten von Friedrich Schiller, Giosuè Carducci, Bert Brecht, Philipp Larkin und Beatrix Haustein werden auch Auszüge aus dem Internettagebuch der 15- jährigen Muttermörderin Angelika D. aus Österreich szenisch aufgearbeitet, um das schwierige Verhältnis zwischen Eltern und Kindern tabulos und unverhohlen zum Ausdruck zu bringen. In der kompromisslosen und schockierenden Aufbereitung reiht sich die junge Regisseurin durchaus in die Tradition der antiken Dramatiker ein, die ihrem Publikum auch allerlei Brutales und Irrationales zugemutet haben. Zudem sind die Schnittpunkte zwischen antiken und modernen Szenen so überlegt und sorgfältig geplant und inszeniert, dass die modernen Textpassagen die kommentierende Funktion des antiken Chores übernehmen und insofern wieder nahtlos an die klassische Tradition anschließen.

Dass die Theaterinszenierung letztendlich ein voller Erfolg wurde, ist aber nicht nur dem Einfallsreichtum der Regisseurin und ihrem kreativen Umgang mit den Quellen zuzuschreiben, sondern ist auch das Verdienst der jungen Schauspieler/innen. Theresa Bonell brilliert als von Rachegelüsten und maßlosem Hass getriebene Elektra, die mit ihrer Verbitterung und ihren Wutausbrüchen den gesamten Bühnenraum füllt, Der temporeiche und aggressive Schlagabtausch zwischen ihr und der zurückhaltenden Schwester Chrysothemis, bravurös gespielt von Anna Lun, zählt eindeutig zu den Höhepunkten der Aufführung. Die modernen Szenen werden hingegen von überragend spielenden Lena Haller im Hippiekostüm dominiert, die sowohl sprechtechnisch als auch von der Gestik und Mimik her eine unglaubliche Bühnenpräsenz entwickelt. Ihnen, den zahlreichen anderen Schauspielern, der Regisseurin und den vielen guten Geistern hinter der Bühne galt der Applaus des Publikums, das einen ernsthaften, aber auch unterhaltsamen Abend im Stadttheater verbracht hatte.

(Irene Terzer)