Der Politik auf den Zahn gefühlt

Politische Bildung an den Gymnasien Meran

Auch in diesem Schuljahr gab es an den Gymnasien Meran wieder mehrere Angebote im Bereich der politischen Bildung. Unter anderem beschäftigten sich einige Maturanten*innen mit den ursprünglich für Mai geplanten Gemeinderatswahlen und fühlten dabei den Bürgermeisterkandidaten von Meran Paul Rösch (Liste Rösch/Grüne) und Richard Stampf (SVP) auf den Zahn. Was haben sie mit der ehrwürdigen Kurstadt vor? Welche Rolle spielen dabei junge Anliegen? Was haben sie aus der Corona-Krise gelernt? Spannende Umfragen wurde zu den Bedürfnissen der Bürger*innen in den Gemeinden St. Martin, Dorf Tirol, Schenna, Lana und Mals durchgeführt. Der ein und andere Lokalpolitiker ist deshalb bereits hellhörig geworden und möchte die Ergebnisse in die Wahlprogramme einfließen lassen. Als Abschluss des Moduls gab es dann ein Online-Treffen mit Landesrat Philipp Achammer. Dabei stand dieser den Schülern*innen Rede und Antwort: über den Ablauf der Abschlussprüfung, über die Studienmöglichkeiten im Herbst, über seinen Umgang mit Kritik auf den sozialen Netzwerken und darüber, wie seiner Meinung nach Südtirol nun wieder neu starten soll. Am Ende der Einheit stellten die Schüler*innen fest, dass konstruktives Mitdenken sehr willkommen ist und dadurch eigentlich jeder mitgestalten kann.

Johanna Egger, Lena Mach und Simon Obertegger haben mit den Meraner BM-Kandidaten Paul Rösch (Liste Rösch/Grüne) und Richard Stampf (SVP) Interviews geführt: Kurstadt – quo vadis?


 

Interview mit Paul Rösch

Wir freuen uns sehr mit Ihnen ein Interview führen zu dürfen. In Bezug auf die anstehenden Bürgermeisterwahlen möchten wir uns über Ihre Ziele und Schwerpunkte informieren.

  1. Durch die aktuelle Corona-Krise bedarf es eines gesellschaftlichen Neustarts in allen Bereichen. Wie würden Sie dabei vorgehen? Was können wir für die Zukunft lernen?

Ich glaube, dass die Corona-Krise für uns eine wichtige Chance ist, die positiven Seiten unserer Gesellschaft zu sehen. Ich persönlich habe gelernt, besser mit dem Digitalen umzugehen. Normalerweise treffen sich die Bürgermeister des Gemeindenverbandes jeden Freitag zu einer Sitzung in Bozen. Wegen der Corona-Situation wird diese Sitzung nun online gemacht und meines Erachtens funktioniert dies sogar besser.

Dass die Leute eine Zeit lang gezwungen waren, zuhause zu bleiben, hat nicht nur den CO2-Ausstoß reduziert; auch die Mobilität und der öffentliche Raum werden nun anders wahrgenommen. Für Fußgänger und Fahrradfahrer war die Situation ohne den vielen Verkehr viel sicherer.

Die gesamte Krise hat uns dazu gezwungen, einmal inne zu halten in unserem ständigen Aktionismus. Wir durften nicht nach Außen gehen, aber wir hatten die Chance, nach Innen zu gehen.

Glauben Sie es wird schwierig danach in unseren bisher „normalen“ Alltag zurückzukehren oder denken Sie, dass es nach der Krise gesellschaftliche Veränderungen geben wird?
Ich hoffe sogar, dass es gesellschaftliche Veränderungen geben wird und die Menschen ihre Solidarität beibehalten, welche sie in der Krise gezeigt haben. Ich hoffe, dass sich beispielsweise die Gruppen bestehen bleiben, welche in den Stadtvierteln entstanden sind, um Lebensmittel zu verteilen oder für alte Menschen einkaufen zu gehen.

Die Gesellschaft hat an Menschlichkeit gewonnen und diese sollte nun auch institutionalisiert werden, zum Beispiel als fixer Telefondienst.
Ein weiteres Beispiel für eine größere gesellschaftliche Veränderung ist der Verkehr: Landesweit wurden viele Busse auf Elektro- oder zumindest auf Hybridantrieb umgestellt. Aufgrund der derzeitigen Lage werden für längere Zeit aber viel weniger Menschen die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen. In Wuhan in China gab es dieselbe Situation und es hat sich gezeigt, dass der Autoverkehr sich danach verdoppelt hat und der CO2-Ausstoß rapide angestiegen ist. Deshalb gilt es in Meran schnell zu handeln, damit es uns nicht wie Wuhan ergeht. Es gilt das neue Verkehrskonzept umzusetzen, d.h. zuerst die Schwächeren, Fußgänger und Radfahrer, zu unterstützen. Dafür müssen wir beispielsweise Radwege und Bürgersteige erweitern, auch wenn dafür ein paar Parkplätze verschwinden müssen. Meines Erachtens wird dies ein Kampf werden: Es ist wahnsinnig schwer, sich vom Auto zu verabschieden oder es weniger zu nutzen. Des Weiteren werden wir die Geschwindigkeitsbegrenzungen auf 30km/h setzen müssen, um die Verkehrssicherheit zu gewährleisten.

  1. Da Sie sich für eine grüne Politik und Zukunft stark machen: Global wird der Klimawandel stark debattiert und theoretische Verbesserungsmöglichkeiten werden formuliert. Welche praktischen Umsetzungen in Meran streben Sie gegen den Klimawandel an?
    Ich bin der Meinung, dass der Klimawandel eine Angelegenheit für die gesamte Gesellschaft ist. Daher ist Sensibilisierung bei dieser Thematik am wichtigsten. Die Auswirkungen des Klimawandels müssen ins Bewusstsein gerufen werden, damit alle gemeinsam an Verbesserungen arbeiten. In meinen Augen leisten Menschen wie Greta Thunberg und Georg Kaser hier sehr gute Arbeit.
    In Meran sind wir auch aktiv im Kampf gegen den Klimawandel. So wurde Meran schon ein „fairtrade town“, Mitglied im Bürgermeisterkonvent gegen den Klimawandel und hat für seine Bemühungen die Auszeichnung „KlimaGemeinde Silber“ erhalten. Wir haben uns zukunftsweisende Klimaziele gesetzt, die eine Herausforderung für die Stadt sind, sich weiter zu verbessern und  auch noch die Auszeichnung „KlimaGemeinde Gold“ zu erhalten. Derzeit wird zum Beipsiel an der energetischen Sanierung des Rathauses und anderer öffentlicher Gebäude gearbeitet, um den Energieverbrauch zu senken. Umgesetzt wurden solche Sanierungen z.B. schon in der Karl-Wolf-Schule und in verschiedenen Kindergärten. Zudem entsteht in Zusammenarbeit mit der Alperia eine Biomasseanlage in Sinich. Die erneuerbare Energie, die dort entsteht, wird später für die Beheizung von Häusern verwendet.
    Und nicht zu vergessen der Verkehr: Durch Bürgerversammlungen hat die Regierung ein Mobilitätskonzept geschaffen, das von den Bürgerinnen und Bürgern getragen wird.

Um Ziele im Bereich des Klimawandels zu erreichen braucht es für mich in jedem Bereich diese drei Schritte: Einbindung der Bevölkerung, Sensibilisierung und Umsetzung.

  1. Auch die Sicherheit ist ein stark diskutiertes Thema in Meran. Wie möchten Sie für mehr Sicherheit vorgehen und wie sieht Ihre konkrete Umsetzung aus?
    Zum einen haben wir die Polizeipräsenz erhöht. Aber auch wenn man jemanden über Nacht in Gewahrsam nimmt, kann man ihn trotzdem nicht festnehmen, wenn der Staatsanwalt nicht zustimmt. Das liegt am italienischen Justizsystem, mit dem man erst nach einem Ja vom Staatsanwalt eingreifen darf. Es ist also schwer jemanden festzuhalten, der nicht wirklich auf frischer Tat ertappt wird. In Meran gibt es beispielsweise Orte, wie das Schloss Winkel oder das alte Schulgebäude in Gratsch, wo sich Drogendealer herumtreiben. Die Polizei kennt diese Personen, doch sie muss auf das Ja des Staatsanwalts warten, bis sie eingreifen darf. Und auch wenn sie regelmäßig vorbeikommt und die Dealer mitnimmt, werden sie häufig schon wenige Tage später auf freien Fuß gesetzt und tauchen wieder auf.
    Deshalb ist es auch bei der Sicherheit umso wichtiger, auch einen zweiten Weg einzuschlagen. Würde und Respekt sind wichtige Werte, an denen man arbeiten muss. Um die Würde eines anderen zu erkennen, braucht es Begegnungen: Solche Begegnungen sind beispielsweise bei Projekten in den verschiedenen Stadtvierteln möglich. Im Gedächtnis geblieben ist mir zum Beispiel ein gemeinsames Knödelessen im Antoniusviertel. Seit der Stadtviertelrat dort aktiv wurde, gibt es weniger Gewalt und die Polizei muss weniger oft vorbeischauen. Ein anderes Beispiel ist das umstrittene Video einiger Jugendlicher aus Sinich. Statt den Jugendlichen die Hölle heiß zu machen, haben wir sie in ein neues Videoprojekt eingebunden. Diese Jugendlichen haben die Kreativität und die technischen Fähigkeiten. Sie haben Elemente wie die Pistole und die Drogen in ihr Video eingebaut, weil sie das aus ihrer Realität kennen und haben damit ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck gebracht. Man muss sie fördern und begleiten, damit sie ihre Talente nutzen können und nicht auf die schiefe Bahn geraten.
    Es ist wichtig Phänomene wie dieses aufzunehmen und besonders in den Stadtvierteln solche Projekte zu veranstalten. Das gehört meiner Meinung nach wesentlich zum Einsatz für mehr Sicherheit: Zusammenarbeit, Sensibilisierung und Kulturarbeit sind dafür wichtig. Projekte wie „700 Jahre Meran“ schaffen ein Gefühl der Gemeinschaft bei vielen verschiedenen Menschen und lassen alle an einem Strang ziehen.
    Ein weiterer Punkt, den ich ansprechen möchte, sind die Sinti und Roma in Meran. Es ist wichtig, den Minderheiten mit Respekt zu begegnen und sie ernst zu nehmen. Dazu haben meine Vorgänger mit der Einrichtung des Sintilagers nahe der Passermündung gute Arbeit geleistet. Davor haben die Sinti unter den Brücken gelebt. Die Reinigung kostete die Stadt jedes Jahr ca. 30.000 €. Mit dem Bau des Sintilagers wurden gemeinsam mit den Sinti Regeln vereinbart. Es gibt jetzt weniger Unruhen, z.B. werden die Fischer weniger gestört, und die Polizei muss viel weniger oft ausrücken. Dadurch, dass man diese Minderheit ernst genommen hat und ihnen eine Perspektive und einen Ort zum Leben geschaffen hat, schützt man alle Beteiligten.

     
  2. Haben Sie einen konkreten Vorschlag wie man den Verkehr, vor allem im Stadtzentrum (Theaterplatz), reduzieren könnte?
    Bisher ist man davon ausgegangen, dass sich mit der Umfahrungsstraße in Meran das Verkehrsproblem löst. Das trifft aber leider nicht zu. Nur 20% des Verkehrs sind Durchzugsverkehr, der durch eine Umfahrung wegfällt. Die restlichen 80% bleiben, dessen mussten sich viele erst bewusst werden. Die Umfahrung allein bringt nicht so viel, doch die Kavernengarage könnte dabei helfen, den Verkehr in der Stadt deutlich zu reduzieren. Denn die Parkplätze in der Kavernengarage könnten jene in der Innenstadt ersetzen, wo man mehr Raum für Fahrräder und Fußgänger schaffen könnte.
    Meran war immer ein Luftkurort und soll es auch weiterhin bleiben. Auch wirtschaftlich und touristisch gesehen ist es für Meran besser, wenn der Verkehr reduziert wird und nach Möglichkeit aus der Stadt verschwindet. Städte, die „autofrei“ sind, sind attraktiv.
    Für jeden Bereich und für jede Straße gibt es in unserem Verkehrsplan Lösungen, die schrittweise umgesetzt werden. Was konkret und schnell umgesetzt werden muss – das hat uns vor allem Corona gezeigt – sind die Radwege zu den Schulen. Denn die Öffentlichen Verkehrsmittel werden überwiegend von Schüler und Senioren benutzt. Bedingt durch die aktuelle Situation dürfen zu Schulbeginn im September vielleicht die Hälfte der bisherigen Nutzer den Schulbus nutzen. Alle anderen brauchen eine Alternative. Daher werden wir, die Fahrradrouten zu den Schulen auszubauen und vor allem während der Stoßzeiten frei zu machen.
    Corona hat uns auch gezeigt, wie sauber die Luft in Meran ohne Verkehr sein kann. Und das ist wichtig: Denn da das Virus die Lungen sehr stark angreift, sind Smog und dreckige Luft eine Zusatzbelastung, die man nicht unterschätzen sollte. Es ist Aufgabe der Stadtverwaltung, dafür zu sorgen, dass die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger in der Stadt gewährleistet ist.
  1. In Sinich befindet sich das Silicium-Werk. Wie möchten Sie das Problem (Abbau, Investition für mehr Sicherheit, Arbeitslosigkeit) lösen?
    Über das Silicium-Werk entscheidet das Land Südtirol. Ich kann lediglich äußern, dass das Werk eine potentielle Gefahr für die Bevölkerung darstellt. Daher bin ich froh, dass die Firma Erdbau sich nun um den Abbau und die Bonifizierung kümmert. Vorschläge, was jetzt mit dem Werk passieren soll, gab es schon vor Jahren vom Handwerkerverband. Dieser hat mir eine Liste mit Firmen vorgelegt, welche ihre Unternehmen entweder erweitern oder einen neuen Sitz errichten wollen. Als Bürgermeister bin ich für alle deutsch- und italienischsprachigen Unternehmen, die sich dort ansiedeln wollen, offen. In den letzten Jahren wurde die Szene der Start-ups in Meran auf- und ausgebaut. Wenn diese jungen Unternehmen wachsen und in Meran bleiben sollen, brauchen sie Platz. Wenn wir diesen Platz in der Zone des Silicium-Werkes anbieten können, wird das neue, kreative und „denkende“ Menschen auch aus dem Ausland nach Meran zu bringen.
  1. Die Kasernenareale in Untermais sind momentan leerstehend. Es gibt eine Reihe von Vorschlägen, was damit passieren könnte. Welches sind Ihre Ideen dazu?
    Wir haben hier eine ähnliche Situation wie mit Anlage in Sinich. Derzeit gehört das Areal noch dem Staat und nicht dem Land. Viele haben dennoch schon ihre Pläne in den Schubladen. Man muss aber erst abwarten, wie gut sie für die Bevölkerung sind. Das wichtigste ist, dass man jetzt schon ganz klare Vorstellungen entwickelt, was mit dem Kasernenareal passieren soll.
    Im Großen und Ganzen gibt es drei Vorschläge. Zum einen stehen leistbare, energiesparende Wohnungen auf dem Plan. Junge Leute haben aber heute Probleme, in Meran eine leistbare Wohnung zu finden. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob wir in Meran weitere 5.000 Menschen erhalten können. Haben wir genügend Krankenhausbetten, Schulen, Kindergärten und Seniorenheime?
    Ein anderer Vorschlag ist es, den Platz für Tourismus zu nutzen. Wir haben zurzeit weniger Betten in Meran, als es beispielsweise noch 1974 der Fall war, und doch sehr viele Touristen. Ein Plan wäre es etwa, aus dem Areal einen Baggersee mit einem Campingplatz zu machen.
    Der dritte Vorschlag ist ein Forschungszentrum, mit dem Forschung und Wissenschaft in Meran gefördert werden könnten. So sucht bspw. die Firma Torggler einen Platz für ihre Forschungsabteilung. Es gibt auch Gespräche mit der EURAC, um vielleicht Teile dieser Forschungseinrichtung nach Meran zu bringen.
    Alle drei Vorschläge haben ihren Reiz und könnten teilweise sogar kombiniert werden. Das Wichtigste ist aber, dass die Entscheidung bei Meran liegt und nicht wie in Bozen die Sache von außen bestimmt wird. Außerdem muss man darauf achten, dass die Bevölkerung mitentscheidet, was gebaut werden soll. Eine so große Entscheidung sollte nicht von ein paar wenigen Personen in der Stadtregierung abhängig sein.

     
  2. Kommen wir nun zur letzten Frage: In wenigen Wochen maturieren wir und das Thema Studium und Wohnungssuche ist für uns sehr aktuell. Viele angehende Studenten werden auch im Ausland studieren und für einige Jahre dort wohnen.
    Haben Sie konkrete Ideen, um das Wohnen und Arbeiten in Meran insbesondere für frisch Diplomierte und junge Erwachsene attraktiver zu machen?

Ich finde die Politik kann auf ihre Art und Weise mithelfen, attraktive Arbeitsplätze in Meran zu schaffen. Wir haben ein Zentrum für Startups eingerichtet und werden einen sogenannten Business Inkubator bauen, der jungen Unternehmen viele Möglichkeiten bietet. Ich glaube, wir werden uns stark auf die Forschung, Wissenschaft und auf das Denken fokussieren, damit junge Studierte wieder zurückkommen und ihr Wissen hier weitergeben können. Die Aufgabe der Politik ist es, dass Menschen zufrieden hier leben können. Daran müssen wir in allen Bereichen arbeiten, von der Sicherheit bis hin zur Kultur.

Mit dem leistbaren Wohnen ist es schwer, das gebe ich ehrlich zu. Dieses Problem gibt es fast in ganz Südtirol. Doch auch diese Herausforderung werden wir angehen müssen, ob wir wollen oder nicht. Die Zusammenarbeit mit dem Wohnbauinstitut, das seine eigenen Regeln hat, ist dafür wichtig. Darüber hinaus dürfen wir auch nicht vergessen, Meran kulturell attraktiv zu behalten und weiterhin eine hohe Lebensqualität zu gewährleisten.

Dann bedanken wir uns für Ihre Antworten auf unsere Fragen, und dass Sie sich Zeit genommen haben mit uns ein Onlineinterview zu führen.

Das Online - Interview wurde von Johanna Egger, Lena Mach und Simon Obertegger geführt.

 


 

Interview mit Richard Stampfl

Wir freuen uns sehr mit Ihnen ein Interview führen zu dürfen. In Bezug auf die anstehenden Bürgermeisterwahlen möchten wir uns über Ihre Ziele und Schwerpunkte informieren.

  1. Durch die aktuelle Corona-Krise bedarf es eines gesellschaftlichen Neustarts in allen Bereichen. Wie würden Sie dabei vorgehen? Was können wir für die Zukunft lernen?

Ich finde es ist wichtig, dass man die Abhängigkeit vom Tourismus erkennt bzw. bedingt durch die Krise erkannt hat. Hier muss ein Umdenken stattfinden, denn im Jahr macht Meran einen Umsatz von 150 Millionen € allein mit Tourismus und Gastgewerbe. Aufgrund der Krise geht die Kaufkraft verloren und es entstehen soziale Probleme. Deshalb denke ich, dass viele Hoteliers und Personen im Gastgewerbe mehr Wert auf Qualität, als auf Quantität legen werden. Man sollte einen Schritt zurückgehen und schauen, wie sich der Tourismus in Südtirol aufgebaut hat - und zwar mit persönlichen Kontakten. Man sollte also nach dem Motto: „Weniger ist mehr!“ handeln.

  1. Da Sie ein Spezialist im Bereich der Wirtschaft sind, stellt sich uns die Frage: Welche wirtschaftlichen Ziele streben Sie allgemein in Bezug auf den Tourismus in Meran an?

Ich bin der Meinung, dass mehr auf Qualität gesetzt werden muss, unter anderem auch durch den direkten Kontakt mit den Kunden. Außerdem könnte man den Bereich Tourismus auch etwas internationaler gestalten und dementsprechend erweitern. Zudem müssen in Zukunft andere Wege gefunden werden, wie Touristen die Stadt erreichen und sich dort bewegen können. Durch dies will ich erreichen, dass auch in Hinblick auf den Klimawandel der Tourismus sanfter und schonender wird. Meran hat viel für Touristen zu bieten z.B. Kultur, Umgebung, Berge, Luft. Dies ist für mich auch ein Grund, dass so viele Touristen gerne wiederkommen. Wir müssen daher, besonders in Corona Zeiten lernen damit umzugehen und neue Wege und Konzepte für den Tourismus finden.

  1.  Sicherheit ist ein stark diskutiertes Thema in Meran. Wie möchten Sie für mehr Sicherheit vorgehen und wie sieht Ihre konkrete Umsetzung aus?
    Das Thema Sicherheit ist in den zwei Monaten Lockdown sicher ein wenig in den Hintergrund getreten, aber das Thema kommt sicherlich wieder auf. Wir wollen sichere Schulwege haben, wir wollen, dass man nach einem Konzert sicher nach Hause kommt. Ich glaube es gehört zu einem Grundbedürfnis, sei es die psychische Sicherheit, als auch dass die Sicherheit z.B. vor Diebstahl gewährleistet wird. Man muss den Meranern das Gefühl der Sicherheit zurückgeben.
    Dabei denke ich an bessere intelligente Beleuchtung. An Orten, wo es hell und sauber ist, passiert eigentlich relativ wenig. Man muss aber auch die Polizeikräfte unterstützen, wie mit eigenen Kameras oder einer besseren Kontrolle der Ein- und Ausfahrt nach Meran. Das vermeidet nicht unmittelbar Gewalttaten, es hilft aber dabei den ein oder anderen abzuschrecken und ggf. später den Täter zu finden. Es gibt uns ein Gefühl der Sicherheit. Man muss der Sicherheit auch ein Gesicht geben - also da ist ein Polizist, ein Ansprechpartner und wenn ich ein Problem habe, kann ich zu dem gehen.
    Nicht nur die Sicherheit auf der Straße ist wichtig, sondern auch die Zuhause, in den eigenen vier Wänden, muss Schutz gewährleistet sein. Ich denke es ist ein Thema über das zu wenig diskutiert wird und nicht einfach zu lösen ist. Und besonders in dieser Zeit werden vermehrt Fälle von häuslicher Gewalt vorkommen. Aber das dringt aus verschiedenen Gründen nicht an die Öffentlichkeit, bspw. aus Schamgefühl.

     
  2. Haben Sie einen konkreten Vorschlag wie man den Verkehr, vor allem im Stadtzentrum (Theaterplatz), reduzieren könnte?
    Ich bin der Meinung, dass der Verkehr in Meran wieder fließen muss und die großen Hindernisse entfernt werden, da sie Stau verursachen. Es brauch Respekt für alle Verkehrsteilnehmer, wobei der Schwächste, der Fußgänger, geschützt werden muss. In Bezug auf den Theaterplatz, ist die Bushaltestelle etwas ungünstig gewählt worden und um diesem Problem entgegenzuwirken, könnte man eine Ampel aufstellen, damit der Verkehr besser gesteuert werden kann. Die Ampel hätte folgenden Vorteil, dass nicht jedes zweite Auto stehenbleiben muss, um einen Fußgänger über die Straße zu lassen, sondern dass durch die Ampel ein Limit gesetzt werden würde.
    Das Projekt des Mobilitätszentrums wäre ebenfalls umzusetzen. Dabei geht es darum, das Zentrum mit den Meraner Bahnhöfen (Hauptbahnhof und Untermaiser Bahnhof) besser zu verbinden. Sowohl für Fußgänger als auch für Fahrradfahrer und Busse sollen dafür Wege geschaffen werden. Der Verkehr sind wir selbst und das Auto ist für viele eine Notwendigkeit geworden, deshalb gilt es mit Bedacht umzugehen.

     
  3. In Sinich befindet sich das Silicium-Werk. Wie möchten Sie das Problem (Abbau, Investition für mehr Sicherheit, Arbeitslosigkeit) lösen
    Die Entscheidung das Werk abzubauen war und ist meiner Meinung nach die richtige. Ich hoffe jedoch, dass für die große Menge an Arbeitsloser eine gute Lösung gefunden wird. Findet man keine Lösung, kann es schnell zu einem sozialen Unfrieden führen. Ich könnte mir vorstellen, dass aus dem Silicium-Werk ein Logistik Zentrum entsteht. Durch immer mehr Online-Bestellungen könnte ein Verteilerzentrum sehr von Nutzen sein. Man könnte dies auch mit modernen Entwicklungen wie z.B. elektrische LKWs unterstützen, um es klimafreundlicher zu gestalten. Andererseits wünsche ich mir auch, dass dieses Gebiet lokal gekauft wird und dass einheimische Unternehmen somit in den Genuss des Mehrwerts kommen.

     
  4. Die Kasernenareale in Untermais sind momentan leerstehend. Es gibt eine Reihe von Vorschlägen, was damit passieren könnte. Welches sind Ihre Ideen dazu?
    Man muss zuerst das Areal nach Meran bringen. Es wird schon seit über 20 Jahre diskutiert, was man mit dem Militärareal machen soll. Es heißt immer, dass alles schon verplant ist, aber passiert ist noch nichts. Mein Ziel ist es, dass man es schrittweise nach Meran bringt. So eine Möglichkeit, die wir in Meran haben, gibt es in ganz Südtirol nicht. Vor allem um leistbares Wohnen für die lokale Bevölkerung zu schaffen. Dabei möchte ich keine neue Grünfläche mehr hergeben – sondern die bestehenden Areale besser nutzen. Die Kasernenareale bieten sich dafür an – aber man muss nach und nach vorgehen. Die öffentlichen Strukturen müssen organisch mitwachsen: Man braucht z.B. auch mehr Schulen und Kindergärten.
    Zudem besteht die Idee, einen Teil des Areals zu erhalten und die Gebäude zu renovieren. Man muss nicht alles abreißen. Es gibt Räume, die sind groß und stabil. Da können Künstler und Musiker kommen. Arbeiter kommen, um ihre Ware zu präsentieren. Also lokale Handwerker, keine großen Ketten. Man könnte ein hippes Kulturzentrum machen und Konzerte veranstalten. Es sollte ein offener Treffpunkt und ein freier Platz für junge und kreative Köpfe werden.

Einen Teil dieser Gebäude könnte man auch nutzen, um eine Begegnungstätte zu errichten. Die Soldaten, die über Jahrzehnte dort ausgebildet wurden, könnten eine neue Zielgruppe für den Tourismus werden. Sie könnten das Kasernenareal besuchen, wo sie einen oft prägenden Teil ihrer Jugend verbracht haben.
Weiters wäre Platz um einfache temporäre Unterkünfte für Austauschstudenten und Arbeiter, die ein bestimmtes Projekt machen und dann wieder gehen müssen, zu schaffen.
Ich möchte kein großes Projekt „Militärareal“ machen. Ich nehme einen kleinen Teil in Beschlag und mache daraus etwas und dann folgen nächste Schritte. Vor allem will ich die Einbindung der Meraner und des Meraner Umfelds.

 

  1. Global wird der Klimawandel stark debattiert und theoretische Verbesserungsmöglichkeiten werden gesetzt. Welche praktischen Umsetzungen in Meran streben Sie gegen den Klimawandel an?
    Diese Thematik ist derzeit in den Hintergrund gerückt, nichtsdestotrotz ist der Klimawandel ein zentrales Thema. Das Problem des Klimawandels ist, dass er so weit weg erscheint und man noch nicht überall die Konsequenzen spürt. Deshalb ist es umso wichtiger diese Thematik in das Bewusstsein der Menschen zu bringen und ihnen zu vermitteln, dass jede Aktivität von uns Auswirkungen hat. Um den Klimawandel zu mäßigen, muss unser Konsumverhalten geändert werden. So kann man z.B. lokale Kreisläufe fördern. Jedoch muss man dabei auf die Eigenverantwortung eines jeden Menschen zählen können. Man kann auch öffentliche Verkehrsmittel fördern, um Autofahrten zu vermeiden und mehr Menschen dazu zu bewegen die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen. Um dies zu erreichen könnte man bzw. eine Zugverbindung im Viertelstunden-Takt von Meran nach Bozen einführen. Dadurch kommt man kostengünstiger, schneller, bequemer und sicherer zu seinem Ziel. Die Digitalisierung kann dabei helfen alles übersichtlicher zu halten. Im Bereich der Wirtschaft und des Tourismus muss man in Zukunft Möglichkeiten bieten wie Touristen ohne Auto in die Stadt kommen und sich dort auch bewegen können. Ich bin der Meinung, dass es wichtig ist mit Bildern zu arbeiten und jene zu verinnerlichen, um die Bevölkerung weiter für den Klimawandel zu sensibilisieren.

     
  2. In wenigen Wochen maturieren wir und das Thema Studium und Wohnungssuche ist für uns sehr aktuell. Viele angehende Studenten werden auch im Ausland studieren und für einige Jahre dort wohnen.
    Haben Sie konkrete Ideen, um das Wohnen und Arbeiten in Meran insbesondere für frisch Diplomierte und junge Erwachsene attraktiver zu machen?
    Meiner Meinung nach wird zu wenig auf die Bedürfnisse der Jugend eingegangen und es muss ein wichtiges Ziel sein, dass leistbares Wohnen in Meran möglich ist. Entweder müssen die Löhne nach oben gehen oder die Preise nach unten. Alte Kubatur muss genutzt und ausgebaut werden. Die Gemeinde könnte den Jungen dabei entgegenkommen und Wohnungen von Firmen anmieten, um sie den Jugendlichen weiterzuvermieten, denn zurzeit ist es schwer als junger Mensch sich eine Wohnung zu leisten. Die Gemeinde sollte auch die „GIS“ für lehrstehende Wohnungen erhöhen.
    Es ist wichtig, dass die Jungen ins Ausland studieren gehen, aber noch viel wichtiger ist es, dass sie wieder zurückkommen, denn ansonsten wird Meran eine „alte Stadt“.
    Da wir im digitalen Zeitalter leben, ist es zentral, dass man auch diese Wege nützt. Ich hoffe, dass die Alperia ihren Forschungssitzt innerhalb von 5 Jahren nach Meran verlegt, damit 200 neue Arbeitsplätze geschaffen werden und die Jugendlichen auch ihre Ideen einbringen können. Ich glaube, dass die Errichtung von Startups, wie es am Pferderennplatz und im Rennstallweg geplant ist, ein Schritt in die richtige Richtung ist, um damit auch junge Menschen wieder nach Meran zu locken. Meine Idee wäre es „saubere Arbeitsplätze“ zu schaffen, keine Schwerindustrie. Denn die IT-Branche sollte erweitert werden.
    Ich würde auch einen innovativen Weg einschlagen und vorhandene Stärken besser nutzen. Das Bruggrafenamt ist bekannt für seine Gastronomie, also könnte man ein Kompetenzzentrum in diesem Bereich oder in der Lebensmittelforschung einrichten. Ich finde es ganz wichtig, dass in den Bereich der Bildung investiert wird, um auch international bestehen zu können.
    Mein Tipp für euch ist: Riskiert es auch Fehler zu machen, denn ihr habt ein Netz, dass euch auffängt.

     
  3. Kommen wir nun zur letzten Frage: Was hat Sie dazu beweget, sich als Bürgermeister aufstellen zu lassen?
    Ich war vier Jahre in der öffentlichen Verwaltung tätig und 40 Jahre in der Privatwirtschaft und habe mir gedacht, dass ich nun damit abschließen möchte, um den Jungen den Platz freizumachen. Ich bin gefragt worden, ob ich mich als Bürgermeister aufstellen lassen möchte und nach einer gewissen Bedenkzeit habe ich zugesagt. Dabei habe ich mir überlegt, dass ich meine erworbenen Fähigkeiten für die Stadt Meran einsetzen möchte und auch eine unverbrauchte Sichtweise einbringen möchte. Es gibt viele interessante Projekte, die man umsetzen kann und ich würde das gerne machen, wenn die Meraner Bürger das möchten.

Dann bedanken wir uns für Ihre Antworten auf unsere Fragen, und dass Sie sich Zeit genommen haben mit uns ein Onlineinterview zu führen.

Das Online - Interview wurde von Johanna Egger, Lena Mach und Simon Obertegger geführt.