Aus Krisen zurück ins Leben

Expertenbegegnung mit Roger Pycha, dem Direktor des Psychiatrischen Dienstes Brixen in Zusammenarbeit mit der Europäischen Allianz gegen Depression EOS

Der Psychiater Roger Pycha, war der Einladung der Gymnasien Meran gefolgt und ermöglichte den Eltern, Lehrpersonen, Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen für Inklusion und dem nicht unterrichtenden Personal eine Expertenbegegnung zum Thema „Aus Krisen zurück ins Leben“.

Direktor Martin Holzner wies in seinen einleitenden Worten auf die tiefe Betroffenheit und die Ratlosigkeit hin, die mehrere Suizide im engeren und weiteren Umfeld der Schule im Verlaufe des letzten Jahres ausgelöst hatten. Dadurch war die Gemeinschaft mehrmals gefordert, sich mit diesem in der Gesellschaft zum Teil auch tabuisierten Thema zu befassen. Dabei wurden mehrere Fragen aufgeworfen: Haben wir die Krise nicht wahrgenommen? Inwieweit habe ich menschlichen Kontakt zugelassen? Hätte ich wirkungsvolle Schritte im Vorfeld unternehmen können? Fragen, die auch Ansätze zu Selbstvorwürfen durchklingen lassen.

Roger Pycha sah seine Aufgabe am Vortragsabend darin, Symbol zu sein dafür, dass Kommunikation über etwas stattfinden kann, das nur sehr schwer in Worte zu fassen ist. Wissen über Zusammenhänge und Umstände kann Schutz und Hilfe bieten. Ob die Schule als Gesamtinstitution Suizide zu vermeiden vermag, bezweifelte er. Sie habe die großen Aufgaben wie Wissensvermittlung, Förderung von Gemeinschaftsgeist und Empathiefähigkeit zu erfüllen.

Der Referent spannte in seinen Ausführungen den Bogen von der Definition von Krise ausgehend über die traumatische Krise zur Sonderform der suizidalen Krise hin zur Krisenintervention.

In diesem Zusammenhang ging er auch auf Aspekte der Salutogenese ein, die der Soziologe Aron Antonovsky in den 80ziger Jahren begründet hat. Antonovsky beschäftigte sich mit Studien zu Überlebenden aus Konzentrationslagern. Dabei fiel ihm auf, dass ein relativ hoher Prozentsatz der ehemals internierten Frauen sich trotz der extremen Stressoren, denen sie während ihres Lebens ausgesetzt waren, in einem guten mentalen Zustand befand. Dies führte ihn zu der Fragestellung, was Menschen gesund hält.

Für den Soziologen bewegt sich der Mensch ständig auf einem Kontinuum zwischen Gesundheit und Krankheit. Damit sich das Verhältnis beider Variablen im Gleichgewicht befindet oder vielleicht sogar mehr Richtung „Gesundheit“ ausschlägt, nutzt er verschiedene, ihm zur Verfügung stehende Ressourcen. So definierte Antonovsky den Begriff „Kohärenzsinn“, welcher die Fähigkeit eines Menschen beschreibt, die ihm gebotenen Ressourcen zu nutzen, um sich gesund zu halten.

Die Antworten von Menschen, die freiwillig aus dem Leben scheiden wollten, auf die Frage, warum sie es schlussendlich doch nicht getan hätten, seien sehr aufschlussreich, wusste Roger Pycha aus seiner Praxis zu berichten. Sie hätten es deshalb nicht getan, weil sie das ihren Kindern, ihren Eltern, ihren Partnern nicht antun könnten, seien die häufigsten Aussagen. Was hält Menschen also am Leben, wenn sie eigentlich verzweifeln möchten? Es ist das enge Beziehungsgeflecht, das Netzwerk, auf das sie sich verlassen können, das Sinn gibt.

Drei Dimensionen müssen gegeben sein, um Sinn im Leben finden zu können:

1. Überschaubarkeit einer Lage. 2. Der Mensch muss eine Sachlage beeinflussen können. 3. Das, was er tut, muss für ihn Sinn ergeben.

Grundsätzlich tendierten Menschen dazu, auf das Körperliche zu fokussieren und vernachlässigten dabei häufig, den Blick auf die Psyche zu richten. Nicht auf alle Ereignisse, die im Leben eines Menschen eintreten, könne er sich vorbereiten. Während man sich auf Geburt und Pubertät  beispielsweise nicht vorbereiten kann, ist dies auf den Eintritt in die Pension möglich und ratsam. Eine frühzeitige Beschäftigung mit Ereignissen ermöglicht eine Umverteilung von Druck und beuge Krisen vor.

Tritt eine Krise ein, dann kann es hilfreich sein, über ein Wissen darüber zu verfügen, sowohl für die Menschen im Umfeld als auch für den Betroffenen selbst. Der Referent bezieht sich in seinen Ausführungen auf die Definition von Krise nach Caplan und Cullberg:

Krise beschreibt den Verlust des seelischen Gleichgewichts, den ein Mensch

verspürt, wenn er mit Ereignissen und Lebensumständen konfrontiert wird, die er

im Augenblick nicht bewältigen kann, weil sie von der Art und vom Ausmaß her

seine durch frühere Erfahrungen erworbenen Fähigkeiten und erprobten Hilfsmittel

zur Erreichung wichtiger Lebensziele oder zur Bewältigung seiner Lebenssituation

überfordern“ (nach Caplan 1964 und Cullberg 1978, zitiert aus Sonneck 2000, S.

16).

Als Auslöser für Krisen gelten ‚kritische Lebensereignisse’. Das sind erwartete oder unerwartete Lebensereignisse mit einer besonderen affektiven Tönung, die von der Person als Einschnitte, Übergänge oder Zäsuren im Lebenslauf betrachtet werden und erhebliche Anpassungsleistungen erfordern (Filipp 1997).

Die Traumatische Krise ist nach Cullberg (1978) eine durch einen Krisenanlass mit subjektiver Wertigkeit plötzlich aufkommende Situation von allgemein schmerzlicher Natur, die auf einmal die psychische Existenz, die soziale Identität und Sicherheit und die fundamentalen Befreiungsmöglichkeiten bedrohen. Ausgelöst wird diese durch schwere psychische und physische Belastungen, die außerhalb der üblichen Erfahrungen liegen. Diese haben oft besonders tiefgreifende Folgen, da sie beinahe in jedem Fall die normalen Anpassungsstrategien des Menschen überfordern.

Über den Verlauf von Traumatischen Krisen Bescheid zu wissen, ist vor allem für Helfer sehr bedeutsam. Bei Menschen, die in eine Krise geraten, verengt sich der Blickwinkel. Therapeuten können helfen, den Blick wieder zu weiten. Bedeutsam ist in jedem Fall, dass in der Krisensituation die Würde des Betroffenen bewahrt bleibt.

Zum Verlauf von Traumatischen Krisen verwies der Psychiater auf 4 Phasen:

1. Schockphase. Sie schwankt zwischen einigen Stunden, wenigen Tagen und maximal

einer Woche. Die Person ist einer Situation ausgeliefert; z.B. es geht eine Lawine ab und jemand bleibt im Lawinenhang stehen. Helfer sollten sich der Person langsam nähern und sie aus der Gefahr ziehen. Es sollte auf basale Bedürfnisse geachtet werden, z.B ob sie Wärme oder Flüssigkeitszufuhr braucht. Bedeutsam ist der so genannte Helferabstand, weil er einen besseren Überblick über die Situation ermöglicht.

2. Reaktionsphase. Sie kann einige Wochen anhalten. Betroffene sind zerrissen von intensiven Gefühlen und können deshalb nicht handeln. Als Helfer kann man nicht viel tun, aber es ist wichtig etwas zu versuchen, z.B. die Erlaubnis zu erteilen zu weinen, einen Ausbruch zu haben.

3. Bewältigungsphase/Einwirkphase. Die betroffene Person begreift, was geschehen ist. Es ist für die Helfer der richtige Moment, um ins Gespräch zu kommen. Die englischen Soldaten im Irak-Krieg wünschten sich in der Bewältigungsphase Gespräche mit Kameraden, die Vergleichbares erlebt hatten. Damit Rettungseinsätze nicht Krisen bei den Rettern hervorrufen, werden Nachbesprechungen durchgeführt, in denen durch Rekonstruktionen eine örtliche, zeitliche und kausale Einordnung stattfindet. Nachbesprechungen können  neuen Krisen vorbeugen.

4. Neuorientierungsphase. Betroffene Personen können die gemachten Erfahrungen einordnen. Sie haben in der schwierigen Zeit vielleicht die Begleitung und das Gespräch mit Therapeuten gesucht und können sich wieder neu orientieren. Oft ist eine Neuorientierung für den Menschen nur möglich, wenn eine Integration des traumatischen Erlebnisses in die Gefühlswelt des Betroffenen stattfindet.

Krisensituationen junger Menschen können auch in die Sonderform der suizidalen Krise führen. Es herrscht dann beim Jugendlichen ein Gefühl der Situation ausgeliefert zu sein, keinen Ausweg mehr zu sehen, Gefühle von Einengung kommen auf.

Diese Krisenform fungiert als eine Art Bewältigungsversuch, Belastungsregulation oder als ein Lösungsversuch, um auf Problemlagen aufmerksam zu machen.

Die Haltung von Helfern in einer Krisenintervention lässt sich beschreiben mit

flexibel und auf den jeweiligen Zustand des Betroffenen angepasst. Prinzipiell gilt:

Je schwerer die Krise und je „kopfloser“ oder „gelähmter“ der Mensch in der Krisensituation ist, desto mehr ist ein aktives und - falls erforderlich - direktives Handeln des Helfers gefordert. Je mehr der Betroffene aktiv an der Bewältigung der Krise mitarbeiten kann, desto mehr kann die unterstützende Person die Haltung eines empathischen, aktiven Zuhörers einnehmen.

Abschließend ging Roger Pycha noch auf mehrere Fragen aus dem Publikum ein.

Netzwerk Suizidprävention in Südtirol

Suizidpraevention@caritas.bz.it

Literaturhinweise:

Sonneck G (2000) Krisenintervention und Suizidverhütung. Wien: Facultas

Universitätsverlag

Cullberg J (1978) Krisen und Krisentherapie. Psychiatrische Praxis, 5, 25-34

Filipp HS (1997) Kritische Lebensereignisse. München: Urban & Schwarzenberg